Hamburg – meine Perle?

Es wird Zeit einmal mein doch eher gespaltenes Verhältnis zum Norden im Allgemeinen und zu Hamburg im Speziellen zu thematisieren. Schließlich jährt sich mein Umzug ‘Quer durch die Republik’ in den nächsten Tagen zum 3. Mal. Ja. 3 Jahre bin ich nun schon ‘im hohen Norden’, gewöhne mich an seltsame Lanschaftsformen, holprig anmutende Dialekte und Speisen, wie es sie wohl nur in Norddeutschland gibt. Nicht alles gelingt mir gleichermaßen gut. Und an einiges möchte ich mich auch gar nicht gewöhnen.

Was mich hier her gebracht hat dürfte so weit bekannt sein (wenn nicht: Sie und ich tragen mittlerweile sehr ähnliche Ringe am linken Ringfinger). Außerdem fand ich das damals eine spannende Sache. Einmal quer durch. Den Norden kannte ich so noch nicht. Eine Herausforderung. Ein Abenteuer. Wäre ich nach Mailand umgezogen hätte ich ziemlich exakt nur den halben Weg gehabt.

Aller Anfang ist schwer

So bin ich aber nun am 30.10.2004 also los- und umgezogen mein Glück im Norden zu finden. Seither versuchen wir beiden – also der Norden und ich  – uns aneinander zu Gewöhnen. Die Phase des gegenseitigen Beschnupperns dürfte natürlich längst vorbei sein. Dennoch läuft nicht alles so rund, wie man sich das wohl vorgestellt hätte. Aber auch lang nicht so holprig, wie es hätte sein können. Wenn ein Süddeutsches Landei sich auf den Weg in eine norddeutsche Großstadt macht…

Der Beginn sagt eigentlich schon einiges aus. Mein erster Abend hier im Norden allein unterwegs. Nach knapp einer Woche. Samstags umgezogen, Freitags zum ersten Mal im Handball-Training. Ich wurde sehr gut und herzlich aufgenommen. Hab mich da auch gleich wohl gefühlt. Und nach dem Training gings dann in die Vereinsgaststätte. Mir gelüstete nach warmen Würstchen mit Kartoffelsalat. Leider realisierte ich erst, als die Bedienung mit dem Teller auf dem Arm auf mich zukam, um was für eine Sorte Kartoffelsalat es sich handelte. Ok, dachte ich so bei mir, da musst Du jetzt durch! Mittlerweile habe ich daraus etwas entwickelt, was ich ‘Das Norddeutsche Abitur’ nenne. Krabbenpuhlen gehört dazu – das ist im Übrigen eine wunderbare Beschäftigung, wenn man mal wieder nervös auf der Couch sitzt und Fußball schaut; statt Chips – Labskaus essen, ‘graue Erbsen’ in Elmshorn… Und da gibt es sicherlich noch viel mehr Dinge, die man mal gemacht und/oder gegessen haben muss, wenn man eine Zeit in Norddeutschland gelebt hat.

Es ist also eine Mischung aus ‘Willkommen sein und sich wohl fühlen’ und ‘Fremd sein und wieder weg wollen’, die nach wie vor mein Leben hier im Flachen prägt. Allerdings habe ich der ganzen Geschichte zu Beginn noch eine deutlich geringere Chance gegeben. Lange Zeit hatte ich auch den Unterschied zwischen Nord und Süd mit dem Unterschied zwischen Großstadt und Kleinstadt verwechselt. Da gibt man der neuen Umgebung natürlich von Beginn an nicht wirklich viel Möglichkeit sich gut einzuführen. Aber mittlerweile habe ich mich mit allem einigermaßen arrangiert, den seltsamen Dialekt höre ich schon gar nicht mehr (OK – man will ihn einfach auch nicht hören) und sogar ich habe gemert, dass man auch hier sehr gut leben kann.

Die schönste Stadt der Welt?

So wird Hamburg von vielen seiner Einwohner bezeichnet. Die schönste Stadt der Welt. Lange Zeit habe ich mich gefragt, weshalb das so ist. Und ob ich das auch irgendwann einmal behaupten kann und werde. Die einfache Antwort auf diese Frage lautet ganz kurz: Nein. Allerdings spielt da auch eine Grundsätzliche Frage mit rein, die keine andere Antwort zulässt. Ich bringe einfach das Wort ’schön’ nicht mit dem Wort ‘Stadt’ zusammen. Das widerstrebt mir einfach. Ich mag keine Autos, ich mag keinen Lärm, ich finde Industrieanlagen abgrundtief hässlich – genau wie große Straßen. Schiffe sind im übrigen auch dann nicht schön, wenn sie am Elbstrand entlang tuckern und der Geruch von Schiffsdiesel weckt in mir maximal einen Würgereiz und nicht eine Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Was kann man an bebauten Flächen überhaupt schön finden? Was kann man an einer Stadt schön finden? Was kann man an Hamburg schön finden?

Sicherlich hat jede Stadt ihre Eigenheiten und auch ihre ’schönen Ecken’, ihre Ruhezonen, pittoreske Stadtteile, reizvolle Bauwerke oder ähnliches. Hier in Hamburg sind das sicherlich die Binnen- und die Außenalster (wobei da immer wieder die mehr aufs Äußerliche bedachten Jogger das Gesamtbild deutlich stören), der Stadtpark, der Ohlsdorfer Friedhof und mit deutlichen Abstrichen noch das Elbufer. Abstriche deshalb, weil man von dort aus immer auf riesige Hafenanlagen schaut, die dann ab und an unterbrochen werden von einer unglaublichen Menge hässlich zusammengeschweißten Stahls unterbrochen wird, der laut ist und nach Schiffsdiesel stinkt. Das faszinierendste Bauwerk für mich ist der alte Elbtunnel. Allerdings hat auch der viel von seinem Reiz nach einmaliger Durchquerung zu Fuß eingebüßt.

Die Menschen sind im nEndeffekt ja dann doch überall gleich. In der Masse gibt es halt kaum individuelle Unterschiede. Was man dann auch unter anderem an der unglaublich großen Anzahl an Franchise-Ketten insbesondere in der Gastronomie- und Nahrungsmittelbranche sieht. Nervig. Überall dasselbe. Alles sieht immer und überall gleich aus (OK – Es gibt natürlich es auch wenige lobenswerte Ausnahmen). Aber dies ist offensichtlich eine ‘Eigenart der Großstadt’ mit der ich bis heute nicht zurecht komme. Nicht zurecht kommen werde und auch nicht möchte. Ich denke auch, dass u.a. meine Abneigug gegen Kaffee im Pappbecher hier her rührt. Wobei die sicherlich noch ganz andere Gründe hat. Aber das hat mit ‘Stadt’ eigentlich nur nebenbei etwas zu tun. Und wenn, dann eigentlich eher mit der etwas seltsam kranken und verkrampften Art der Großstädter mit der Zeit umzugehen.

Was mir von Beginn an eher negativ aufgefallen ist (Ich gebe zu, dass ich da zum einen empfindlich und zum anderen von 11 Jahren Bodensee verwöhnt bin) war das Wetter. Nicht unbedingt nur der Regen, das, was man so als ‘Hamburger Schmuddelwetter’ bezeichnet. Die gesamte Situation. Viel Nieselregen, Nebel, Wolken. Und vor allem: Wind. Wind. Wind. Kaum ein Tag, an dem es keinen Wind hat. Und irgendwie war das am Anfang ziemlich zermürbend. Jetzt nimmt man das beinahe nicht mehr wahr oder merkt es, wenn man sich in Regionen aufhält, wo deutlich weniger Wind ist.

Dazu kommt: Keine Berge. Nicht mal Hügel. Nichts. Null. Auch das fehlt. Für mich macht das eine Landschaft aus und gehört bei mir auch zu der Definition von ’schön’ in Bezug auf eine Landschaft, einen Landstrich.
Ehrlicherweise ist es aber so: Beides stört am meisten beim Radeln und Laufen. Gegenwind ist einfach nur furchtbar (und der Wind hier im Norden bläst immer von vorn – egal von wo er kommt) und laufen ohne Berge ist langweilig.

Weshalb ist er denn noch hier?

Zum Glück besteht das Alles aber nicht nur aus Gebäuden, nicht vorhandenen Bergen und Regen. Es gibt da ja auch noch die ganzen Menschen, die man dann so im Lauf der Zeit kennenlernt. Und genau die machen das alles dann auch nicht nur erträglich sondern lebenswert.

Deshalb möchte ich mich jetzt einfach nur noch kurz bei allen bedanken, die mir die bisherige Zeit hier vereinfacht und angenehmer gemacht haben. Allen, die mich hier so herzlich und freundlich aufgenommen haben und wegen denen es sich nach wie vor lohnt auf viele andere schöne Dinge zu verzichten. Danke!

…und irgendwann wird es wieder so weit sein…

4 Antworten

  1. Also nach Adam Riese sind das aber nur 3 Jahre!

  2. Das war nun echt ein etwas peinlicher Fehler. Danke Dir. Habs auch schon korrigiert! Nun ja. Ich befinde mich also nun im 4. Jahr hier.

  3. Die schönste Groß-Stadt der Welt ist…na… ? Ich weiß nicht, irgendwie egal. Ich mag München. Da möcht ich bleiben.

    Die tollste Stadt, die ich kenne ist für mich immer noch NewYork. Das ist der Scheiss Mittelpinkt der Welt. Ok, wenn ich dort leben würde, ich bin mir sicher, 40 zu werden wär ne große Herausforderung.

    Hamburg mag ich übrigens auch. Kann aber Deine Aspekte gut nachvollziehen. Wie auch immer. Am Ende sinds dan doch die Menschen und nicht die Pappbecher-Abfüller oder Fast-Food-Buden, irgendwelche Gebäude oder das Wetter. Ich kann nur dort gut leben wo ich mich bei den Menschen zu Hause fühle. Der Rest ist… nice to have?

  4. Die „Schönheit“ der Stadt Hamburg liegt sicher zu einem großen Teil in den Menschen, die hier leben… Und diese Schönheit sieht man nur mit dem Herzen gut – das Wesentlich ist für die Augen unsichtbar…

    Schön, dass Du noch immer hier bist! ;o)

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